25.02.2015

Pressemitteilung der obw, 25.02.2015

„Mehr  Wert als man denkt“

– Studie berechnet Sozialbilanz von Werkstätten für behinderte Menschen

Die erste bundesweite Studie zum Social Return on Investment (SROI) von Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) berechnet, welche volkswirtschaftlichen Wirkungen durch die Werkstätten erzeugt werden. Die Ergebnisse zeigen: Sozialausgaben sind Investitionen von Steuermitteln, die Mehrwerte schaffen – sozial und auch wirtschaftlich. Unterm Strich steht ein deutliches Plus für die Gesellschaft. Mit 100 Euro investierten Mitteln erzeugen die Werkstätten eine Wertschöpfung in Höhe von 108 Euro.

Emden. Werkstätten für behinderte Menschen , wie die Ostfriesische Beschäftigungs- und Wohnstätten GmbH (obw) sie betreibt, wirken. Durch sie und ihre Strukturen wird zum einen die Lebensqualität von Menschen mit Behinderung verbessert. Zum anderen sind sie ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in ihrer Region und darüber hinaus. Die positiven Effekte der WfbM sind für alle Beteiligten täglich zu spüren.

Damit jedoch die Wertschöpfung der Werkstätten öffentlich sichtbar gemacht und der Kreislauf von investierten Mitteln und erzeugten Wirkungen und Rückflüssen darstellbar wird, hat die Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM) Prof. Dr. Bernd Halfar von der katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und das Nürnberger Forschungsinstitut xit GmbH mit einer bundesweiten Studie zum Social Return on Investment (SROI) beauftragt.

SROI-Methode

Social Return on Investment bedeutet, dass man Sozialausgaben der öffentlichen Hand nicht als „versenkte Mittel“ betrachtet, sondern als Investitionen. Die SROI-Studie fragt: Welchen Ertrag bekommt die Gesellschaft für ihre Investitionen in Werkstätten zurück? Die Antwort ist simpel: Ein deutliches Plus für die Gesellschaft. Werkstätten und ihre Mitarbeiter führen Steuern und Sozialbeiträge ab, Werkstätten vermeiden an anderer Stelle Kosten für die öffentliche Hand und sie erzeugen direkte und induzierte wirtschaftliche Effekte für die Regionen. Hochgerechnet verschaffen Werkstätten der öffentlichen Hand pro Jahr Einnahmen und Einsparungen in Höhe von etwa 6 Milliarden Euro im Vergleich zu Investitionen in Höhe von 5,6 Milliarden Euro. 100 Euro, die in Werkstattleistungen investiert werden, erzeugen also eine Wertschöpfung von 108 Euro.

Die 4 SROI-Perspektiven im Detail

SROI 1: Die erste Perspektive bestimmt die Rückflüsse, die aus der Werkstatt über Sozialversicherungsbeiträge und Steuern an die öffentliche Hand zurückfließen. Diese werden von den erhaltenen Zuschüssen und Entgelten abgezogen. Ein Ergebnis der Studie ist: 51 Euro von 100 Euro fließen sofort wieder an die Gesellschaft zurück.

SROI 2: Die zweite Perspektive betrachtet, welchen Beitrag Werkstattbeschäftigte von ihren persönlichen Sozialleistungen über Steuern und Sozialbeiträge wieder an die öffentliche Hand zurückzahlen. Das Ergebnis: Werkstätten befähigen Menschen mit Behinderung, aktiver Teil der Gemeinschaft zu sein. Werkstattbeschäftigte erwirtschaften einen Teil ihres Lebensunterhaltes und leisten einen wertvollen volkswirtschaftlichen Beitrag. Von 100 Euro Transferleistungen, die die Werkstattbeschäftigten erhalten, zahlen sie im Schnitt 69 Euro an die öffentlichen Kassen zurück.

SROI 3: Diese Perspektive berechnet, welche Kosten entstehen würden, wenn es das Werkstattangebot nicht gäbe. Zum Vergleich: Ein Werkstattplatz kostet die öffentliche Hand – Steuern und Beiträge abgezogen – im Schnitt rund 10.000 Euro pro Jahr. Würden die Beschäftigten zu Hause bleiben, entstünden Betreuungskosten von durchschnittlich rund 10.400 Euro pro Person. Ein Grund dafür ist: Einige Angehörige von Menschen mit Behinderung könnten nur eingeschränkt erwerbsfähig sein. Dadurch würden für den Staat Steuern und Beiträge aus Bruttolöhnen von rund 2 Milliarden Euro entfallen. Alternativen zur Werkstatt, die weniger Teilhabe für Menschen mit Behinderungen bieten, sind nicht günstiger.

SROI 4: Die vierte Perspektive betrachtet Werkstattunternehmen als Wirtschaftsfaktoren. Werkstätten sind Sozialunternehmen. Sie holen Aufträge in die Region und schaffen Arbeitsplätze. Hochgerechnet generieren Werkstätten direkte Einkommen in Höhe von 3 Milliarden Euro. Werkstätten und ihre Beschäftigten kaufen Waren und beziehen Dienstleistungen. Bundesweit bedeutet das eine direkte Nachfrage von rund 2,7 Milliarden Euro. Da die Mitarbeiter und Beschäftigten einen Teil ihres Einkommens in der Region ausgeben, wird dort die Wirtschaft angekurbelt. Durch die Tätigkeit von Werkstätten entsteht eine direkte und induzierte Nachfrage in Höhe von insgesamt 6 Milliarden Euro. Daran hängen wiederum direkte und induzierte Arbeitsplätze in Höhe von rund 7 Milliarden Euro (Bruttolöhne). Für die öffentliche Hand bedeutet dies Einnahmen in Höhe von knapp 6 Milliarden Euro. Positive Sozialbilanz: Die Teilhabeangebote der Werkstätten verbinden Sozialleistungen und wirtschaftliche Produktivität zu einem Kreislauf. Damit verbessert das Werkstattangebot die Lebensqualität von behinderten Menschen, die Unterstützung im Arbeitsleben brauchen, und sie fördert die Wohlfahrt der Gesellschaft.

Hintergrundinformationen

Die Methode des Social Return on Investment: Der methodische Ansatz Social Return on Investment (SROI) bezeichnet die volkswirtschaftliche Betrachtung von sozialen Dienstleistungsangeboten. Er fragt danach, welche Wirkungen aus einer Investition in soziale Projekte und Dienstleistungen entstehen – in Form von Geld oder in ideellen Werten ausgedrückt. Der Ansatz kommt ursprünglich aus den USA. Prof. Dr. Bernd Halfar von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und Prof. Dr. Klaus Schellberg von der Evangelischen Hochschule in Nürnberg haben diesen Ansatz in Entwicklungsgemeinschaft mit der xit GmbH auf die Situation des deutschen Wohlfahrts-staates adaptiert. Über 60 Einzelorganisationen haben bereits mit ihrem Ansatz SROI-Berichte und Sozialbilanzen erstellt.

Über die Studie der BAG WfbM: In der bundesweiten SROI-Studie zur Wertschöpfung von Werkstätten für behinderte Menschen wurden die Daten von 26 Werkstätten für behinderte Menschen vorwiegend aus dem Jahr 2013 ausgewertet. Die repräsentative Stichprobe wurde nach Größe, Struktur und regionaler Verteilung ausgewählt, um die Vielfalt der Werkstätten-landschaft abzubilden. Sie bildet sieben Prozent der Werkstätten in Deutschland ab und ermöglicht eine bundesweit repräsentative Hochrechnung.

Weiterführende Informationen der bundesweiten Studie erhalten Sie unter:

http://www.bagwfbm.de/page/sroi_materialien